11. Feb 2016

Weltmeister der langen Bauzeit

Bei Bauwerken mit langer Bauzeit handelt es sich entweder um Kirchen oder es gab Probleme. Oder beides. Es ist davon auszugehen, dass Bauherren und Architekten ihre Werke gerne zu Lebzeiten fertigstellen. Schließlich will der ambitionierte Visionär sein fertiges Produkt mit eigenen Augen bestaunen können. Sehr lange Bauzeiten sind also auf mitunter unvorhersehbare Probleme beim Bau zurückzuführen. Sei es Finanzschwäche, politische Umorientierung oder ein unaufhaltsamer Weltkrieg macht dem Ganzen einen dicken Strich durch Planung und Rechnung. Und da das 20. Jahrhundert gleich zwei dieser Ereignisse zu bieten hatte, sind diesbezügliche Bauverzögerungen gar nicht so selten in der jüngeren Baugeschichte anzutreffen.

Den Rekord für die längste Bauzeit – mal vielleicht von der Chinesischen Mauer abgesehen – hält der Kölner Dom. Insgesamt waren es 632 Jahre. Der Baubeginn fällt ins 13. Jahrhundert (Grundsteinlegung 1248), die Fertigstellung ins Jahr 1880 – dazwischen gab es allerdings einen knapp 300-jährigen Baustopp. Es ist nicht ungewöhnlich, dass für die großen Monumente der europäischen Baugeschichte oft viele Jahrzehnte Bauzeit notwendig waren.

Eines der wohl außergewöhnlichsten Bauwerke, mit dessen Bau 1882 begonnen wurde, ist bis heute unvollendet. Antoni Gaudís Sagrada Família ist eine Kirche, die dem Stil des katalanischen Modernismus zugerechnet wird und das Wahrzeichen von Barcelona. Nach aktuellem Plan soll sie 2026 zum 100. Todestag von Gaudí fertig werden. Das wären dann 144 Jahre.

Das Gebäude mit der längsten Bauzeit im säkularen Bereich ist wohl das New Jersey State House. Nach den Plänen von Architekt Jonathan Doane wurde im Jahr 1792 zu bauen begonnen. Da der öffentliche Apparat immer mehr anwuchs, reichten diese Pläne bald nicht mehr aus und es musste immer wieder erweitert und zugebaut werden. Die jetzige Größe erreichte das Regierungsgebäude schließlich im Jahr 1911. Das ergibt eine stolze Bauzeit von 119 Jahren. Speziell an öffentlichen Gebäuden wird gerne einmal länger gebaut. So auch in Porto, dessen Rathaus von 1920 bis 1957 errichtet wurde (37 Jahre).

Finanzielle Engpässe und unerwartete Kostensteigerungen sind oft ein Grund für Bauverzögerungen. Das Hochhaus Duque de Lerma im spanischen Valladolid wurde bereits in den 1970er Jahren annähernd fertiggestellt, dann aber von den Projektverantwortlichen aufgegeben. So stand es die gesamten 80er und 90er Jahre ungenutzt herum, entging aber einem, von Zeit zu Zeit geforderten,  Abriss. Schließlich, 1999, fand sich ein wiederum neuer Besitzer, der das Gebäude komplett renovieren ließ und aus dem ursprünglich geplanten Hotel Eigentumswohnungen und Apartments machte.

Auch der Blue Tower in Warschau kann eine rekordverdächtige Bauzeit aufweisen. 1965 begonnen, traten bereits zwei Jahre später Probleme mit dem Fundament auf und die Arbeiten wurden eingestellt. Im Warschauer Volksmund ging die Rede vom Fluch des Rabbis um, denn das Hochhaus wurde am Ort der gesprengten Großen Synagoge gebaut. Ab 1971 arbeitete man an einer modernisierten Version weiter, aber 1980 kam es zu einem erneuten Bauabbruch. Schließlich begannen die Architekten Lech Robaczyński und Marzena Leszczynska ab 1986 die alte Fassade durch eine verspiegelte Glasfassade zu ersetzen und es gelang ihnen die Fertigstellung im Jahr 1991.

Die Informationslage eines anderen Bauprojekts ist weitaus dürftiger. Der Grund: Das Ryugyong Hotel liegt in Nordkorea. In der Hauptstadt Pjöngjang wurde 1987 mit dem Bau begonnen und es sollte mit 330 Metern das höchste Hotel der Welt werden. Die Fassade wurde im Juli 2011 fertiggestellt. Die Kempinski-Hotelkette gab 2012 bekannt, die obersten Stockwerke nutzen zu wollen, musste aber die Pläne auf Eis legen. Ein Markteintritt in Nordkorea sei zurzeit nicht möglich, hieß es. Auch einen offiziellen Eröffnungstermin für den Wolkenkratzer gibt es nach wie vor nicht.

Eine der längsten Bauzeiten in Österreich hat natürlich das Wiener AKH vorzuweisen – inkl. Bauskandal.  1974 wurde mit dem Haupthaus begonnen und 1994 Zentralbau und Bettentürme offiziell eröffnet. Gesamtbaukosten ca. 3,3 Milliarden Euro – ursprünglich waren rund 73 Millionen Euro geplant gewesen.