14. Jan 2016

Gut gemixt. Hamburg und Wien im Wachstum

Der Vergleich bietet sich allein aufgrund der ähnlichen Größe und Einwohnerzahl der Millionenstädte Hamburg und Wien an. In beiden Städten sind beispielhafte Großprojekte im Laufen und das Thema Stadtentwicklung liegt im Fokus der Stadtregierungen: Konzepte und Projekte, um die steigende Zuwanderung in lebenswerte Bahnen zu lenken.

Große Städte sind Akkumulationspunkte menschlichen Zusammenlebens mit zum Teil chaotischer, nicht kontrollierbarer Eigendynamik. Im Lauf der Geschichte wurde immer wieder versucht, dieser Eigendynamik ausgeklügelte Systeme entgegenzusetzen. Stadtplaner grübelten über soziale Bedürfnisse, verkehrstechnische Anforderungen und logisch aufgebaute Stadtlandschaften. Eine immer intensivere Beschäftigung mit dem Thema Stadtentwicklung vonseiten der Stadtregierungsverantwortlichen ist in den letzten Jahren auch in der Hansestadt Hamburg und der Donaumetropole Wien zu beobachten. Kein Wunder – werden doch für das Jahr 2030 für Wien an die zwei Millionen EinwohnerInnen prognostiziert. In Hamburg rechnet man für dasselbe Jahr mit rund 1,85 Millionen. Das bedeutet einen Bedarf von immerhin 50.000 neuen Wohnungen im Venedig des Nordens. Nun geht es aber schon längst nicht mehr nur um die Unterbringung möglichst vieler Menschen in einem bestimmten Zeitraum, sondern darum, Stadtteile und Quartiere zu schaffen, die eine Balance zwischen Wohnraum und Grünräumen bieten. Das soll Lebensqualität schaffen und soziale Spannungen abbauen. „Wir wollen Wohnen, Arbeiten, Bildung und Freizeit in räumlicher Nähe miteinander verknüpfen. Manche Regeln und Instrumente werden wir überdenken müssen, weil sie für die Entwicklung einer sinnvollen Nutzungsmischung in der Stadt nicht mehr angemessen sind“, gibt die Hamburger Senatorin für Stadtentwicklung und Umwelt, Jutta Blankau im Perspektivenpapier der Stadt zu. „Grüne, gerechte, wachsende Stadt am Wasser“ lautet der programmatische Titel dieses Papiers, in dem die maritime Qualität der Hansestadt ebenso Erwähnung findet, wie der Anspruch nach bezahlbarem Wohnraum, mehr Lebensqualität im Öffentlichen Raum oder Fragen der Umwelt, Bildung und Energiewende.

Eines der Zauberworte in den derzeitigen Stadtentwicklungsdiskussionen lautet – Durchmischung. Auch Hamburgs Stadtplaner sehen darin die Zukunft: „Die wachsende Stadt braucht die Offenheit für neue Formen des Zusammenlebens, für die Mischung von Wohnen und Arbeiten, für neue Nachbarn und Nachbarschaften. Damit wird sich die gebaute, vertraute Stadt verändern – Hamburgs Stadtbild wird sich verjüngen und kompakter werden. In hoher Dichte liegt die Chance für urbane Lebensqualität. Dieser Prozess ist so zu gestalten, dass sich auch für schwierige Standorte überzeugende Lösungen finden und finanzieren lassen und die Bürgerinnen und Bürger in den Wandel einbezogen werden“, tönt es im Resümee der Hamburger Stadtentwicklungsperspektiven.

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In Wien handelt die Stadtregierung nach dem STEP 2025, dem Stadtentwicklungsplan 2025, der in erster Linie strategischen Charakter besitzt und die Richtung in die Zukunft, zumindest für die nächsten 10 Jahre, vorgibt. In drei großen Kapiteln werden acht Schwerpunktthemen erläutert. Auch hier geht es um die Wachstumspotenziale der Stadt und darum Wohnraum und Grünflächen zu verbinden. Während in dieser Beziehung im gründerzeitlichen Wien kaum Spielraum gegeben ist und es dort hauptsächlich um die Adaptierung des öffentlichen Raums geht, steht in neuen Stadtteilen auch die Frage nach ausreichend Freiflächen auf der Agenda. „Wie Freiräume gestaltet sind, wie sie funktionieren und wie sie den vielfältigen Bedürfnissen der Wohnenden genügen, beeinflusst die Qualität und Atmosphäre des urbanen Zusammenlebens wesentlich“, ist man in Wien überzeugt. Dabei hat Österreichs Hauptstadt den Vorteil jenseits der Donau über genügend freie Flächen zu verfügen, die für eine dynamisch wachsende Stadt genutzt werden können. Wie damit umgegangen wird, zeigt vor allem das Großprojekt „aspern Die Seestadt Wiens“. Im Nordosten Wiens gelegen, entsteht hier auf einer Fläche von 240 Hektar ein neuer, multifunktionaler Stadtteil mit Wohnungen, Büros sowie Einrichtungen für Wissenschaft und Bildung. Die Seestadt ist damit eines der größten europäischen Stadtentwicklungsprojekte überhaupt. Bis 2016 sollen rund 2.600 Wohnungen für an die 6.100 Menschen und 260 Wohneinheiten für Studierende fertiggestellt sein. Außerdem wird es bis dahin 2000 Arbeitsplätze geben, ist im Status quo Bericht der Wien 3420 Aspern Development AG zu lesen. Apropos Forschung: Unlängst eröffnete in der Seestadt, im Technologiezentrum aspern IQ die erste Pilotfabrik für die Industrie 4.0. Auf Initiative des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie sowie der Unterstützung der Stadt Wien entwickelt die Technische Universität Wien am Standort eine Fabrik, mittels deren Hilfe sich Unternehmen auf die Zukunft der Industrieproduktion einstellen können. Es geht um die durchgängige Digitalisierung und Vernetzung von Werkzeugmaschinen, Robotern und Produkten über das Internet – Industrie 4.0 eben. Das Projekt Aspern – Die Seestadt Wiens soll den Vollausbau im Jahr 2028 erreichen und dann mehr als 20.000 Wohnende beherbergen, sowie 20.000 Arbeitsplätze bieten.

Ein ungleich zentrumsnäheres Großprojekt ist der neue Wiener Hauptbahnhof. Nur 2,5 Kilometer Luftlinie von der Innenstadt entfernt, ist hier nicht bloß ein neuer zentraler Knotenpunkt im transeuropäischen Schienennetz entstanden, sondern rund um die Verkehrsstation entwickelt sich sozusagen Zug um Zug auf dem 59 Hektar großen ehemaligen ÖBB-Areal (früherer Süd- und Ostbahnhof) ein ganz neuer Stadtteil mit ausgewogenem Nutzungsmix. Insgesamt werden hier um die 5.000 Wohnungen für 13.000 Menschen, Büros für 20.000 Arbeitsplätze sowie Hotels, Handels-, Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe realisiert. Auf immerhin 25 Hektar entsteht mit dem Quartier Belvedere ein neues Stadtviertel, das Büros, Hotels, Wohnungen, Geschäfte, Gastronomie, Schule, Parks und Gesundheitseinrichtungen beinhalten wird. Nach den Vorstellungen der Investoren soll auf dem Areal eine inspirierende, lebendige und dynamische Atmosphäre entstehen und dabei auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Nutzergruppen bestmöglich eingegangen werden. Ganz gleich, ob Arbeit, Freizeit, Kultur, Sport oder Gesundheit – das Quartier soll zu einem Treffpunkt und Ort der Kommunikation für Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus allen Stadtteilen werden. Claus Stadler, der Geschäftsführer der STRAUSS & PARTNER Development GmbH spricht von einem neuen Hotspot für Wien. „Mit dem QBC setzen wir ein klares Statement und reagieren auf die veränderten Rahmenbedingungen der heutigen Zeit. Wir vereinen Arbeit, Wohnen, Mobilität sowie Erholung und schaffen dadurch Lebensqualität. Von den insgesamt 130.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche entfallen ca. zwei Drittel auf Büro- und Geschäftsflächen. Damit das neue Stadtviertel nach Geschäfts- und Büroschluss belebt ist, werden neben zahlreichen, verschiedensten Lokalen und belebten Erdgeschosszonen auch frei finanzierte Eigentumswohnungen und servicierte Apartments sowie zwei Hotels der AccorHotels Gruppe errichtet. Die Gesamtentwicklung rund um den neuen Hauptbahnhof ist ein großer Schritt der Stadt Wien zur Entwicklung eines neuen Zentrums der Stadt“, ist Stadler überzeugt.

 

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Das Projekt HafenCity in Hamburg ist mit 157 ha fast dreimal so groß wie das Areal Wiener Hauptbahnhof. Nach 13 Jahren Bauzeit liegt die HafenCity laut Aussage der Verantwortlichen im Plan. Nahezu die Hälfte des im Masterplan zugrunde gelegten Bauvolumens sei entweder fertiggestellt, im Bau oder durch Grundstücksverkauf und Bauverpflichtung gesichert. Von Anfang an bestand der Anspruch nach Nutzungsmischung: Arbeit, Wohnen, Kultur, Freizeit, Tourismus und Einzelhandel werden hier verknüpft. Das Besondere an diesem Projekt ist einerseits die Lage am Wasser und andererseits die Verbindung von Urbanität und Nachhaltigkeit, was sich auch in einem innovativen Entwicklungsprozess niederschlägt. Mit der HafenCity erweitert sich die Hamburger Cityfläche um ganze 40 %. Und die Stadtentwicklungsarbeit geht weiter – und zwar in großen Schritten. So wird derzeit über das Projekt HamburgOst „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ diskutiert. Nach den Elbinseln, dem Harburger Binnenhafen, Elbmosaik und Fischbeker Heidbrook rücken damit nun die urbanen Räume im östlichen Teil Hamburgs in den Fokus der Stadtplaner. „Dieser Schritt wird Hamburg – ebenso wie die Entwicklung der Neuen Mitte Altona im Westen – noch urbaner machen und den weiteren Weg der großen Metropole Nordeuropas entscheidend prägen“, gibt sich der ersten Bürgermeister Hamburgs, Olaf Scholz optimistisch. Die Stadtverwaltung sieht in diesem Bereich enorme Entwicklungspotenziale für neuen Wohnraum, moderne Industrie- und Gewerbestrukturen sowie ein weiteres Mal für die Verbindung von Wasser und Grünraum.

 

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Die Herausforderungen für die Zukunft scheinen in Hamburg und in Wien ähnlich zu liegen. Wohnraum schaffen, Stadtteile entwickeln, die Lebensqualität bieten und unterschiedliche Zentren entstehen lassen mit möglichst umfassender Infrastruktur. Am besten soll dies mittels gut gemixter Nutzungsvielfalt erreicht werden.

www.aspern-seestadt.at, www.hamburg.de, www.oebb.at, www.qbc.at, www.wien.gv.at