14. Jan 2016

Vergnügungsfahrt ins All

All, Blue Origin

Bedingungsloses Technik- und Fortschrittsgläubigkeit ist für Weltraumtouristen Grundbedingung. Seit Jahren arbeiten verschiedene Firmen an Projekten zur Raumfahrt für Privatleute. Immer wieder angekündigte Zeithorizonte dafür werden regelmäßig verschoben. Hier der Status quo.

Den Traum vom Fliegen hat der Mensch schon seit Langem in die Realität geholt, sogar den Flug ins Weltall hat die erfindungsreiche Spezies geschafft. Das Streben, immer weiter zu gehen und der Wettlauf zwischen irdischen Supermächten verhalfen den Astronauten oder Kosmonauten in ungeahnte Höhen und hin bis zum Mond. Aber nicht nur staatlich geförderte Weltraumfahrer hoben ab, auch Privatleute durften schon mit ins All. Viele waren es allerdings bisher nicht – ganze sieben. Als erster Weltraumtourist, der seinen Raumflug aus eigener Tasche bezahlte, ging Dennis Tito in die Geschichtsbücher ein. Marktführer Space Adventures hatte die Reise im Jahr 2001 vermittelt, für die Tito 20 Millionen US-Dollar hinblätterte. Der Trip führte zur ISS und dauerte sieben Tage. Die Versorgungsflüge zur internationalen Raumstation bzw. die Crewwechsel in der Station boten weiteren sechs Privatmenschen die Möglichkeit für diesen Ausflug. Für das russische Raumfahrtprogramm war das eine kostenschonende Maßnahme.

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Um die Kosten ging und geht es auch in den USA. Seit Mitte der 2000er Jahre entwickelt sich die NASA vom einst aggressiven Monopolisten hin zu einem großen Unterstützer kommerzieller, privatwirtschaftlich geführter Raumfahrtunternehmen. So wurde das COTS-Programm (Commercial Orbital Transportation Services) in Leben gerufen, um den Transport von Ausrüstungen und Gütern zur ISS mit Hilfe von privaten Unternehmen zu organisieren. Nach der zweistufigen Ausschreibung wurden schließlich SpaceX und Orbital Sciences damit beauftragt, geeignete Fluggeräte zu bauen. Sowohl Orbital Sciences mit dem Cygnus-Raumtransporter (2 erfolgreiche Missionen, 2014) als auch SpaceX mit dem Dragon-Raumschiff (8 erfolgreiche Missionen, 2010-2015) konnten die Anforderungen erfüllen. Letzteres Unternehmen ist auch im Kreis der Firmen, die im Rahmen des Commercial-Crew-Development-Programms (CCDev) der NASA mit der Entwicklung von Raumfahrzeugen für die bemannte Raumfahrt beauftragt wurden, was nach Einstellung des Space Shuttle-Programms 2011 im Moment nur Russland und China leisten können. Derzeit wird das Dragon V2 Spaceship von SpaceX gebaut, das sich für den Transport von maximal sieben Astronauten eignet und zukünftig als Shuttle zur ISS eingesetzt werden soll (ab 2017). Genau wie die CST-100-Raumkapsel von Boeing, die aus einem kegelförmigen Mannschaftsmodul sowie einem Servicemodul besteht und auch im Jahr 2017 voll ansatzfähig sein soll. Ebenfalls innerhalb des CCDev-Programms entwickelt Bigelow Aerospace derzeit Raumstationsmodule mit entfaltbarer Außenhaut. In den Medien fand dieses Projekt einigen Widerhall und wurde dem Weltraumtourismus zugerechnet, in der Meinung, die Module sollten als Weltraumhotel fungieren, was Robert Bigelow allerdings bisher als wirtschaftlich nicht profitabel einstuft. Mehr Chancen rechnet er sich in der wissenschaftlichen (für Raumfahrer, die keinen Zugang zur ISS haben) und der industriellen Nutzung aus. Etwa für Material-, pharmazeutische und Gravitationsforschungen sowie für eine mögliche Weltraumproduktion unter Mikrogravitationsbedingungen. Bisher wurden einzelne Module entwickelt, eine gesamte Orbital Complex Construction ist für 2016 geplant.

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Der medienwirksamste Teilnehmer im Weltraumtourismus ist ohne Zweifel Sir Richard Branson mit Virgin Galactic, einem Unternehmen der Virgin Group, das suborbitale Raumflüge für private Interessenten anbietet. Das dafür entwickelte Raumschiff, das Space Ship Two befindet sind in der Entwicklungsphase. Es wird von der Spaceship Company gebaut, einem Joint Venture der Virgin Group und Scaled Composites, der Firma, die auch den Vorläufer Space Ship One, dem ersten privaten Fluggerät mit Raketenantrieb, das die 100-Kilometer-Höhe überschritten und damit den Weltraum erreicht hatte. Die Kosten für einen Flug sind mit 200.000 US-Dollar pro Person angesetzt und laut Unternehmen gibt es bereits mehr als 700 Anmeldungen. Das Space Ship Two ist für sechs Passagiere und zwei Piloten ausgelegt. Die Trägerrakete White Knight Two transportiert das Raumschiff bis auf eine Höhe von 16 km. Dort wird es abgekoppelt und beschleunigt mit seinem eigenen Raketenmotor, um schließlich die Kármán-Linie (100 km) zu erreichen. Die Zeitspanne zwischen der Abtrennung des White Knights bis zur Landung des Raumschiffs dauert in etwa 3,5 Stunden. Das Gefühl der Schwerelosigkeit können die Passagiere dabei für ungefähr sechs Minuten erleben. Einen herben Rückschlag für Virgin Galactic bedeutete der Unfall bei einem Testflug im Oktober 2014, wobei das Space Ship Two auseinanderbrach, einer der Testpiloten starb und der zweite schwer verletzt wurde. Die Untersuchung der National Transportation Safety Board (NTSB) nahm mehrere Monate in Anspruch. Die Verantwortlichen der Sicherheitsbehörde kamen schließlich zu der Erkenntnis, dass die Ursache für den Unfall auf menschliches Versagen, also einen Pilotenfehler zurückzuführen sei. Kritik von Expertenseite, dass es ein grundsätzliches Problem mit der verwendeten Treibstoffkombination gäbe, bestätigte die Behörde nicht.

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Ein Mitbewerber in Sachen suborbitale Raumflüge ist Blue Origin. Das Unternehmen des Amazon-Gründers Jeff Bezos wird auch vom NASA-Programm CCDev unterstützt. Bisher wurden mehrere erfolgreiche unbemannte Tests durchgeführt, zuletzt mit der Crewkapsel und dem Antriebsmodul des Flugsystems. Das auf den Namen New Shepard (zu Ehren des ersten US-amerikanischen Astronauten Alan Shepard) getaufte Raumschiff soll ganz ohne Bodenkontrolle geflogen werden können. Ein Trägersystem befördert die Kapsel, die drei Passagieren Platz bietet, auf eine ballistische Flugbahn an den Rand des Weltraums und landet danach mittels Fallschirmen wieder auf der Erde. Träger und Raumfahrzeug können wiederverwendet werden.

 

Der Zeithorizont für halbwegs leistbare private Weltraumreisen scheint immer wieder ein Stück weiter in die Zukunft zu rücken. Marktführer Space Adventures bietet indes das volle Programm: Flüge zur ISS, Spaziergänge im Weltraum, Reisen zu Raketenstarts, Kosmonauten-Training und schließlich sogar Flüge rund um den Mond. Gemeinsam mit dem russischen Raumfahrtunternehmen RKK Energija soll eine Mondumrundung bis 2018 zum Preis von 150 Millionen US-Dollar möglich sein. Bei all diesen Angeboten handelt es sich um Reisen, deren Durchführung einen langen Atem bei den Reisewilligen verlangt. Die Wartelisten sind lang, die Preise exklusiv. Eines der wenigen Abenteuer, das tatsächlich jederzeit gebucht werden kann und dann auch in absehbarer Zeit durchgeführt wird, ist ein Parabelflug etwa mit einer modifizierten Boeing 727-200, wie er von der Zero Gravity Corporation (Tochtergesellschaft von Space Aventures) angeboten wird. Um schlappe 4.950 US-Dollar plus Steuern können Interessierte, die über einen stabilen Magen verfügen, die Schwerelosigkeit genießen.

http://bigelowaerospace.com, www.blueorigin.com, www.boing.com, www.nasa.gov, www.spacex.com, www.spaceadventures.com, www.VirginGalactic.com,