14. Jan 2016

Französische Leichtigkeit im Wiener Stadtbild

Nach beeindruckenden Bauten von Jean Nouvel am Donaukanal und Dominique Perrault in der Donau City werden nun wiederum Pläne aus Frankreich umgesetzt. Das Pariser Büro Chaix & Morel et Associés zeichnet für die Erweiterung des Viertel Zwei Areals und die Errichtung des Bürogebäudes Lände 3 verantwortlich.

 

Seit über 30 Jahren ist das Architekturbüro Chaix & Morel et Associés für seine Vielseitigkeit und vor allem den sensiblen Umgang mit den jeweiligen lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen bekannt. Aktuell beweist das Büro diese Qualität im Zuge internationaler Bauprojekte: etwa bei der Realisierung des Museums der europäischen Geschichte in Brüssel oder zuletzt beim ThyssenKrupp Campus in Essen. Europaweite Projekte wie diese ergänzen die Liste bemerkenswerter Realisierungen von Chaix & Morel et Associés in der Heimat Frankreich. Dazu zählen unter anderem das Pariser Zénith, die wichtigste Konzerthalle Frankreichs, die Modernisierung des Musée de Petit Palais an der Champs-Élysées, die Firmenzentrale der französischen Postbank in Paris, das Archäologiemuseum im Rhônetal sowie eine Vielzahl von Sportstadien. Das Team von Chaix & Morel et Associés setzt sich sehr intensiv mit den jeweiligen Ausschreibungen und den Anforderungen der Projektentwickler, Investoren und Bauherrn auseinander. „Das wird von unseren Bauherrn geschätzt und wir versuchen diese offene Haltung über die gesamte Planungsphase beizubehalten. Im Gegenzug verstehen Investoren und Bauherrn auch, dass wir Architekten als Bewahrer der architektonischen Qualität und deren Grundidee auftreten und darauf achten, dass der konzeptuelle Faden nicht verloren geht. Das kann bei steigendem Zeit- und Kostendruck vorkommen und zu Schwierigkeiten führen und setzt dann von beiden Seiten eine gewisse Kompromissbereitschaft voraus. Wichtig ist uns, unsere Auftraggeber dahin gehend zu sensibilisieren, dass nicht alleine z. B. Nachhaltigkeitszertifizierungen über den Erfolg und die Qualität entscheiden, sondern dass Nachhaltigkeit auch aus architektonischer Qualität und kulturellem Mehrwert generiert werden kann“, erklärt Walter Grasmugg, Partner Architekt bei Chaix & Morel et Associés.

 

 

Viertel Zwei Plus

Schon 2014 gewann das Büro Chaix & Morel et Associés den Wettbewerb um die Erweiterung des Viertel Zwei genannten Areals an der Trabrennbahn und in der Nähe des WU Campus sowie der Messe Wien. Insgesamt 44.000 m² Geschossflächen stehen dem Architekturbüro und seinem Wiener Partner Christian Anton  Pichler ZT GmbH hier zur Realisierung zur Verfügung. Das Projekt Viertel Zwei Plus ist also ein weitläufiger Komplex und beinhaltet Büros und Wohnanlagen (Milestone Gebäude – Studentenzimmer, Studiogebäude und zwei Bürogebäude), die über die ganze Fläche verteilt, locker und durchlässig angeordnet und gestaltet sind. Das beachtliche Gesamtvolumen wird in kleinere Einheiten aufgesplittert, wobei verglaste Erdgeschosse den einzelnen Bauten zusätzlich eine schwebende Leichtigkeit verleihen. Durch diese Durchlässigkeit werden auch die großen, umliegenden Freiflächen in das Gesamtkonzept miteinbezogen. Grasmug über die besonderen Herausforderungen dieses Projekts: „Die größte Schwierigkeit war mit Sicherheit die Anordnung der doch relativ großen Baumasse auf dem, durch die Kurve der Trabrennbahn, geometrisch schwierig geschnittenen Grundstück. Der architektonische Ansatz setzt auf das Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten und die Vermittlung zwischen den Gegensätzen. Bürogebäudetypologien in der Körnung jener im Viertel Zwei antworten auf die Gebäudevolumen der Messe und des WU Campus. Sie schaffen Spielraum für eine identitätsstiftende Silhouette losgelöster, kleinteiliger Volumen an der Trabrennbahn. Die Vermittlung zwischen WU Campus und Viertel Zwei erfolgt darüber hinaus über den zwischen den einzelnen Bauvolumen aufgespannten Freiraum.“ Entlang der Rundung der Trabrennbahn werden die Baukörper also versetzt platziert und so mit der Pferderennstrecke in Beziehung gesetzt. Es entsteht ein fließender Übergang mit hochwertigen Grünflächen. Das Thema Natur wird auch in den Fassaden der Gebäude aufgegriffen, indem die Farbe Grün einen besonderen Stellenwert bekommt – zum Teil werden Fassaden auch tatsächlich begrünt. „Grundsätzlich gilt für die Farben das gleiche wie für Materialien: so wenig verschiedene wie möglich, um ein Konzept zu vermitteln oder zu stärken. Die unterschiedlichen Farben der Bauvolumen des Milestone Gebäudes und die begrünten Volumen des Studiogebäudes dienen dazu die Wirkung der städtebaulichen Silhouette zu verstärken und diesen Gebäuden eine eigene Identität zu vermitteln“, erklärt Grasmug.

 

Lände 3

Leichtigkeit durch Gliederung der Baukörper und Transparenz in den Erdgeschosszonen bestimmen auch das Projekt am Kreuzungspunkt Erdberger Lände und Haidingergasse genannt Lände 3, das sich am Eingang des gleichnamigen Quartiers befindet und das ebenfalls mit der Christian Anton Pichler ZT GmbH gemeinsam umgesetzt wird. „Wir haben hier in Zusammenarbeit mit unserem Bauherrn CA Immo ein außergewöhnlich offenes, großzügiges und teilweise zweigeschossiges Foyer-Konzept entwickelt, das Funktionen wie Cafeteria und Fahrradverleih mit klassischen Lobbyzonen und einem begrünten Innenhof verbindet. Im Anschluss bietet das transparente Erdgeschoss verglaste Einzelhandelsflächen“, erläutert Architekt Walter Grasmug. Diese Maßnahmen sollen den öffentlichen Raum beleben und einen Akzent an diesem strategisch wichtigen Punkt für die Gebietsentwicklung setzen. Ein zweiter bedeutender Aspekt ist die Belebung des Gebäudes selbst. Bürogebäude schotten sich meist mit der Fassade gegenüber der Öffentlichkeit ab. Bauherr CA Immo will dagegen Büroimmobilien schaffen, in denen sich das öffentliche Leben in die Lobbys der Gebäude sozusagen hineinzieht. Dies folgt der Einsicht, dass Büro und Arbeiten Bestandteile des Lebens sind und die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem zunehmend fließend werden.

 

Die vier Baukörper des Ensembles sind in der Höhe versetzt angelegt. Chaix & Morel et Associés nehmen hier Bezug auf historische Vorbilder. Grasmug: „Das in etwa 16 500 m² BGF große, oberirdische Bauvolumen lässt sich in seiner Typologie und Größe mit dem eines klassischen ˏWiener Blocksˊ vergleichen. Dieser historische Baustein der Wiener Stadtlandschaft setzt sich in vielen Fällen aus mehreren aneinandergefügten Einzelbaukörpern zusammen. Wir haben uns an diesem Vorbild orientiert und das Volumen visuell gegliedert und in einzelne Baukörper aufgelöst. Somit bekommt das Gebäude eine Maßstäblichkeit, die auf die bestehende Blockbebauung auf dem nördlichen Abschnitt der Erdberger Lände Bezug nimmt. Das Projekt Lände 3 reagiert mit seinen einfachen, geometrischen Grundvolumen aber auch auf das südlich der Haidingerstrasse gelegene bestehende Postgebäude.“ Die Fassadengestaltung des Neubaus ist versetzt angelegt und in der Textur unterschiedlich, was zu einer gewissen Individualisierung der einzelnen Baukörper führt. Um die Zusammengehörigkeit des Blocks dennoch zu bewahren, ist die Farbgestaltung der vier Baukörper einheitlich. Durch dieses Referenzieren auf den Baubestand hat das Projekt Lände 3 gute Chancen, zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die weitere bauliche Entwicklung dieses Areals zu werden.

 

www.chaixetmorel.com